Marquesas Teil II Über den Wolken
Surfen auf Tsunamiwellen, Einführung in «Pattoo-Tiki», Landabenteuer im Zelt und die Einfachheit des Lebens.
Eine überraschende Tsunamiwarnung erreicht uns in Hiva Oa und wir verlassen die Insel im Schatten der Nacht. Im zweiten Teil unserer Marquesas-Expedition erkunden wir die drei nördlicheren Inseln Ua Huka, Nuku Hiva und Ua Pou.
Schnell weg hier!
Es ist bereits dunkel, als wir in Hiva Oa den Anker lichten. Heute Nacht wird eine besondere Nacht, denn irgendwann zwischen 22:00 Uhr und 23:00 Uhr soll eine Tsunamiwelle in den Marquesas heranrollen. Der Mond ist leer und wir sehen wenig, der Wind ist aber konstant und der Seegang moderat. Ein Gefühl der Ungewissheit überkommt uns: Was erwartet uns da draussen? Angst haben wir keine, denn im tiefen Wasser sind wir sicher.
Der Morgen dämmert bereits, als die Insel Ua Huka am Horizont erscheint. Doch ankern dürfen wir noch nicht: Die Polizei hat verordnet, dass alle Schiffe sich bis Mittag von der Küste fernhalten sollen. Von einer Tsunamiwelle haben wir nichts gespürt, wir sind relativ komfortabel durch die Nacht geschippert. Das tückische an Tsunamiwellen ist, dass noch Stunden nach Eintreffen der eigentlichen Welle starke Schwankungen der Höhe des Meeresspiegels vorkommen können. Wie es genau an den Küsten der Inseln aussieht, wissen wir bislang noch nicht.
Ankunft in neuen Gewässern
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Gegen Mittag ankern wir vor dem Dörchfchen «Hane». Idyllisch ist anders, denn hier wird gerade ein Anlegesteg für Beiboote gebaut. Begleitet von Kranlärm suchen wir im vom Bauschutt braun gefärbten Wasser ein Plätzchen. Mit unserem Dinghy fahren wir zum Strand und sehen uns mal die neue Umgebung an. «Kommt ihr von Nuku Hiva? Dort war die Tsunamiwelle am höchsten!», quasseln die Dorfkinder auf uns ein. Etwa zwei Meter hoch soll die Welle dort gewesen sein, von den anderen Inseln gab es soweit keine nennenswerten Berichte. Auch hier deutet nichts darauf hin, dass irgendwas spektakuläres passiert wäre. ‘Nochmal alles gut gegangen’, denke ich und bin etwas stolz auf darauf, wie wir das gehändelt haben.
Der Ankerplatz ist nicht sehr komfortabel und das Wetter unvorteilhaft, um länger hierzubleiben. Auf einem Segelboot zu leben bedeutet, dass die eigenen Pläne nie zu 100% so stattfinden werden, wie man es möchte. Auch dieses Mal folgen wir dem Wind, auch wenn wir gerne noch länger hiergeblieben wären, und verlassen Ua Huka nach zwei kurzen Tagen.
Neue Insel, neues Glück!
Anaho ist eine abgeschiedene Bucht im Nurdosten der Insel Nuku Hiva. Hier verbringen wir fast 10 Tage und geniessen das ruhige Wasser, nachdem wir in Ua Huka so durchgeschüttelt worden sind. Auch hier treffen wir uns bekannte Segelboote wieder: vier der sechs Crews sind wir bereits auf anderen Inseln begegnet. Es ist schön, Erlebtes mit gleichgesinnten Menschen teilen zu können, so entsteht ein kleines Gefühl von Zusammengehörigkeit. Das kleine Dörfchen hier ist von der Zivilisation abgeschnitten. Keine Strasse, sondern ein etwa einstündiger Fussmarsch führt über den Hügel ins nächste Tal und von hier aus mit dem Auto in den Hauptort. Diese Unabhängigkeit widerspiegelt sich auch in den Locals: Auf meinen Ausspruch des Bedauerns, dass die Bungalows eines älteren Herrn übers Wochenende nicht gebucht wurden, meint dieser nur: «Wieso? Ist doch gut, dann habe ich weniger zu tun.». So herrlich unkapitalistisch, dieses Völkchen.
Tiki-Time
Insgesamt verbringen wir etwa drei Wochen in Nuku Hiva. Hier passiert auch etwas besonders Cooles: Thierry und ich lassen uns tätowieren! «Pattoo Tiki», so heisst die lokale Tätowierkunst. Dabei handelt es sich um Symbole, die alle eine Bedeutung haben, und mit makelloser Präzision angeordnet werden. Der Legende zufolge ist Tiki irgendwann im Laufe der Zeit in 1000 Stücke zersprungen. Die Symbole verkörpern diese einzelnen Teile und übertragen ihre Kraft auf die Person, die sie trägt. Mehr als eine Stunde verbringen wir im kleinen Tattoostudio von Daniel und seinen Cousins. Wir erzählen von unserer Reise, Daniel und Vatea stellen Fragen. Sie machen sich ein Bild und versuchen, uns und unseren Vibe zu spüren. Am nächsten Tag finden wir uns morgens um 09:00 Uhr wieder dort ein. Wir haben Notizen davon gemacht, was wir gerne mit unseren Tätowierungen aussagen möchten. Dann geht’s los: Mit Stiften malen Po’e bei mir und Vatea bei Thierry ihre Gedanken direkt auf unsere Haut. Sie erklären uns alle Symbole und gemeinsam können wir letzte Änderungen anbringen. Nach der Mittagspause wird es dann ernst: Fünf Stunden später ist Thierry und 10 Stunden später bin ich stolze Träger unserer ganz eigenen Geschichte, unsere Reise mit der Cervino nach Französisch Polynesien. Mega mega mega cool!!
Ab in die Höhe!
Nuku Hiva ist anders, als die anderen Inseln der Marquesas. Sie ist die grösste von ihnen, und aus meiner Sicht besonders vielfältig. Mit einem Mietauto unternehmen wir eine Rundfahrt, mehrere Stunden davon auf Schotterstrassen. Die Natur ist wunderbar abwechslungsreich, von goldenen Stränden über felsige Klippen fahren wir durch fruchtbaren Dschungel und trockene Steppe bis ins Hochland hinauf. Hier oben finden wir quasi eine Mini-Schweiz: Nadelbäume, Weiden und Kühe. Diesen speziellen Ort haben wir für eine Premiere unserer Reise ausgewählt: Seit 4 Jahren schleppen wir ein Zelt mit uns rum, und jetzt bietet sich endlich die Gelegenheit für ein Landabenteuer. Nach etwa 2h Fussmarsch vom Parkplatz aus finden wir unser Lager und machen ein kleines Feuer. Die Sonne geht unter, die Vögel verstummen und alles wir still. Absolute Ruhe – etwas, was auf dem Segelboot nicht existiert. Kein Plätschern des Wassers, kein Knarzen von Holz oder Schwingen von Leinen. Auch unser Schlafplatz bewegt sich nicht. Oft sind es die kleinen Dinge im Leben, die einem erst auffallen, wenn man sie nicht mehr hat.
Die Säulen der Marquesas
Die letzte der sechs bewohnten Marquesas-Inseln heisst Ua Pou, ein Tagesschlag südwestlich von Nuku Hiva. Jede Insel der Marquesas spielt in der polynesischen Mythologie ihre eigene Rolle bei der Entstehung des «Hauses der Menschen». Ua Pou verkörpert die Säulen, die das Dach tragen, und bereits bei der Anfahrt der Ankerbucht wird klar, warum das so ist:
Wir gehen unsere ersten Schritte an Land und wieder sind wir überwältigt von der Energie, die diese Inseln ausstrahlen. Nennt mich abergläubisch, aber es gibt Dinge, die wir nicht sehen…
Zusammen mit unseren Freunden zieht es uns in die Höhe . Ein Rundweg zum Fusse des Poumaka (eine der «Säulen»), führt uns durch dicken Wald über eine Vanilleplantage hinauf auf ein klitzekleines Plateau. Thierry und ich schauen uns an. ‘Ein ziemlich cooler Platz für ein Zelt’ sagen unsere Blicke, und tatsächlich nehmen wir ein paar Tage später zum zweiten Mal den doch ziemlich steilen Aufstieg in Kauf. Die Belohnung ist es wert, doch die Stille der Nacht wird diesmal von Wind in den Bäumen, allerlei Tierchen die sich verschlüsselte Informationen zurufen und dem sanften Prasseln des gelegentlichen Regenschauers gebrochen.
Bevor wir dieses Paradies wieder verlassen, schauen wir uns noch den Hauptort im Nachbartal an. Autostopp ist hier ziemlich unkompliziert, da die Menschen schlicht und einfach freundlich und hilfsbereit sind. Das Versorgungs- & Kreuzfahrtschiff «Aranui» liegt heute draussen vor Anker und wir geniessen das farbenfrohe Spektakel, das den Touristen an Bord von den Inselbewohnern geboten wird. Immer wieder ein Highlight.
Es ist mittlerweile Ende August. Fast drei Monate lang haben wir diese magische Welt der Marquesas erkunden und geniessen dürfen. Selten ist mir ein Volk begegnet, das mit solcher Freundlichkeit und Offenheit auf Fremde zugeht. Die Menschen hier sind zufrieden. Die Natur überschüttet sie im Überfluss und trotzdem verschenken sie lieber Früchte als diese teuer an Touristen zu verkaufen. Niemand leidet hier unter Stress. Niemand rennt in einem Rad das sich immer weiter dreht, bis es einmal aus den Fugen springt. Das Glück kann so einfach sein.
Wir werden die Marquesas immer im Herzen behalten. Trotzdem heisst es für uns nun Abschied nehmen, denn die Uhr tickt und unsere nächsten Besucher packen schon bald ihre Reisetaschen. Wir ziehen weiter in die Tuamotus, das Korallenarchipel französisch Polynesiens. Vier Tage segeln liegen zwischen uns und dem ersten Atoll, das den Namen «Raroia» trägt. Bei manchen klingelt da jetzt vielleicht «Thor Heyedahl» und «Kon Tiki» wieder in den Ohren. Doch alles zu seiner Zeit.
Wie Haie unsere täglichen Begleiter werden, was «Bommies» sind und warum ich so lange keine Blogs geschrieben habe?
Komm mit auf die Reise...